PL-5

Medizinethische Leitlinien der Suchttherapie

Dr. Dr. Andreas Bell, Köln. Deutschland

Vorsitz und Diskutant: PD Dr. A. Uhl, Wien, Österreich


Zusammenfassung:  Üblicherweise zielt eine Suchttherapie – gleich, ob bei stoffgebundener Sucht oder süchtiger Verhaltensweise – dauerhafte Abstinenz an. Rückfälle oder Therapieabbrüche werden daher von Patienten wie von Behandelnden als Rückschläge empfunden und sind mit Mindergefühlen wie Versagen oder Schuld verbunden. Dem stellen sich Modelle entgegen, die zum kontrollierten Konsum verhelfen wollen oder nach dem harm-reduction- Konzept den fortgesetzten Konsum begleiten. Hinter diesen Ansätzen stehen divergierende Modelle von ärztlichem Ethos und Patientenrolle sowie unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen der Substanz. Die ethische Analyse zeigt, dass nicht Abstinenz sondern zurückgewonnene Freiheit der handlungsleitende Wert ist, während die Abstinenz als ein mögliches Mittel zum eigentlichen Zweck zu verstehen ist. Ist aber Freiheit vom Konsum gleichzusetzen mit Freiheit zum Konsum? Die politischen Legalisierungsforderungen scheinen dies vorauszusetzen. Heilkundige würden zu Begleitern des Konsums und könnten von einem Problem ins nächste fallen.


Andreas Bell studierte Chemie, Philosophie und Theologie in Köln und Frankfurt am Main und promovierte in Immunologie und medizinischer Ethik. Er arbeitete als Politikberater in Suchtfragen und unterrichtete Suchthilfe. Daneben ist er Balintgruppenleiter und katholischer Seelsorger. 2015 legte er in der „Philosophie der Sucht. Medizinethische Leitlinien für den Umgang mit Abhängigkeitskranken“ eine ausführliche anthropologische, psychoanalytische und ethische Analyse von Sucht und Suchttherapie vor.